Kinderpilgern 2022
Pilgern 2022 – Wir wollen mee/hr Routine
Es ist schon das fünfte Mal, dass wir zusammensitzen und eine Pilgerreise planen. Dieses Jahr ist ein besonderes, weil wir die Marschroute geändert haben. Unser Projekt ist über die Jahre innerhalb der Einrichtung so gewachsen, dass wir mit bis zu 70 Teilnehmenden unterwegs sind. Dieses Unterfangen logistisch/finanziell im Ausland auf den immer bewanderteren Pfaden des Jakobsweges umzusetzen erwies sich in der Praxis als unmöglich. Da auch die Kids lieber in der großen Gruppe weiterlaufen wollten, haben wir uns überlegt innerhalb Deutschlands Routen zu finden. So entschieden wir uns dafür ab jetzt Deutschland von Nord nach Süd (nachdem wir Ost nach West größtenteils schon geschafft haben) zu durchqueren und dafür ein großes Projekt zu bleiben.
Die Planung beginnt damit, dass wir uns treffen und auf Google Maps grobe Routen abstecken, um dann per Satellitenansicht Fußballplätze zu sichten – eine Errungenschaft der Erfahrung, Fußballplätze sind perfekt für große Zeltgruppen mit Bewegungsbedarf – und diese der Reihe nach anzurufen, um sie von unserem Projekt zu überzeugen. Am Ende sollte dann eine Route stehen, die:
1. Auf dem Jakobsweg entlang geht
2. Nicht an stark befahrenen Straßen entlang führt
3. Vor Regen schützt
4. Vor Sonne schützt
5. An schönen Orten entlang führt
6. Möglichst direkt von Schlafplatz zu Schlafplatz geht
7. Nicht über 30 km lang ist
Von den fertigen Routen werden dann für jeden Tag Karten erstellt. Abgesehen von der jährlichen Spannung, ob alle Kriterien erfüllt werden können, ist all das mittlerweile eingespielte Routine.
In einem Vortreffen ca. einen Monat vor Start der Reise dürfen gerade die neuen Kids Fragen stellen und bekommen einen Eindruck von dem, was auf sie zukommt. Eine Woche vorher herrscht auf den Gruppen nochmal reges Treiben. Alle Kinder/Jugendlichen und auch die Mitarbeiter:innen müssen ihr Material checken. Ausrüstung für Regen, Hitze und Wind, wie auch Schlafsäcke, Isomatten, Rucksäcke, Schuhe, medizinisches Material gegen Blasen, Magen/Darm, Ausschläge, Schnupfen, Sonnenbrand, Läuse, Allergien und vieles mehr muss besorgt und vorbereitet werden. Auch das ist Dank des Erfahrungswertes, der mittlerweile in acht von zehn Wohngruppen vorhanden ist, Routine. Zwei Tage vor Abfahrt packt das Orgateam bestehend aus zehn Menschen die entweder für die Einrichtung arbeiten oder enge Freunde/ Familie sind einen Küchen- und einen Materialtransporter. Der Küchentransporter enthält eine vollausgestattete Feldküche. Töpfe, Pfannen, Besteck, Becher, Teller, Schüsseln, Kellen, Schäler, Messer, Brettchen, Gaskocher, Grills, Hygienematerial, Warmhalteboxen, Kühlhalteboxen, Verwahrungsboxen, Musikboxen und vieles mehr. Alles was man eben braucht um 60 Leute jeden Tag aufs Neue an einem anderen Ort kulinarisch und seelisch zu verwöhnen. Hier sind wir sogar dermaßen routiniert, dass es nicht mal eine Packliste braucht, um alles dabeizuhaben.
Gleiches gilt auch für den Materialtransporter. Routiniert wird abgesehen von einer Feuerschale (dafür haben wir jetzt zwei) bisher immer ohne Liste perfekt gepackt. 40 Wurfzelte – eine Errungenschaft der Erfahrung, es geht viel schneller 40 Wurfzelte aufzustellen als Stangenzelte -. Biertischgarnituren für 60 Menschen, eine Feldküche, Pavillons, Spiele, Bälle, FEUERSCHALE, Erste-Hilfe-Sets, Corona-tests, Masken, Werkzeugkoffer und vieles mehr.
Einen Tag vor dem Start werden dann die Busse (8 Busse) fertig beladen……und dann geht es los! In unserem Fall sehr routiniert.
Unser gemeinsamer Weg führte uns von der schönen Insel Fehmarn über die Hansestadt Lübeck nach Lüneburg. Wir starteten unsere Reise am Meer. Für viele unserer Jugendlichen das erste Mal am Meer. Das Wetter zeigte uns dieses Jahr von seiner guten, teilweise aber auch extremen Seite. So hatten wir neben schönsten Sonnentagen auch einige Gewitter, die das mitwirken der gesamten Pilgerschar erforderten, weil uns sonst das Dach über dem Kopf weggeflogen wäre. Die Wege waren zumeist wenig schattig. Glücklicherweise gab es größtenteils Wasser in nächster Umgebung um sich abzukühlen.
Nach alle den Jahren und den vielen Wohngruppen gibt es jedes Jahr vergleichsweise wenig ganz neue Menschen auf der Reise. Für viele Kinder/ Jugendliche wie auch Mitarbeiter:innen ist der Rahmen der Reise, der Tagesablauf, die Regeln und Abmachungen selbstverständlich und eingespielt. Die „Neuen“ werden mitgezogen und inspiriert. Die Zelte werden immer gleich aufgebaut. Die Taschen werden immer gleich gestapelt. Die Sitzordnung im Pavillon ist immer gekennzeichnet. Der Weg wird immer gleich vorbesprochen. Es gibt früh immer einen Impuls. Es geht abends meistens zu der gleichen Zeit immer ins gleiche Zelt. Die Reihe an der Essensausgabe geht meistens von rechts nach links (POV). Die Abläufe auf jeder Ebene unseres Pilgerabenteuers (Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung, Tagesablauf, Rituale, Organisatorische, Kommunikation auf dem Weg) sind von Routine geprägt. Eine Errungenschaft der Erfahrung. Trotz dieser eingeübten Struktur bleibt das Pilgern jedes Jahr eine neue Grenzerfahrung mit neuen Herausforderungen. Es kann eben nicht alles vorbereitet werden.
Die Kombination aus der Location (Meer, Strand und Sonne), den „alten Hasen“ und der eingespielten Routine machten dieses Jahr zu einem besonderen Jahr. Die Beziehungen zwischen den Teilnehmenden halten über ein Jahr auch ohne engeren Kontakt und starten nicht bei null. Die Vertrautheit der Gruppe auch schwierige Situationen gemeinsam zu meistern wächst mit jedem Jahr. Das Projekt zeigt mit jedem Jahr deutlicher, wie viel es bringen kann sich gemeinsam und mit denselben Grundbedingungen auf den Weg zu machen.
Genau so hat sich auch das diesjährige Nachtreffen angefühlt. Wie ein Klassentreffen. Mit dem Unterschied, dass in unserer Klasse die Alterspanne zwischen 8 Jahren und ca. 50 Jahren 😉 ist. Aber auch dieser Umstand macht das Pilgern nur besser! Pilgern kennt keine Grenze.
